Offene E-Mail der Mitarbeiterinnen des Haus 9, Bremen, an die Ortsgruppe Bremen von Terre des Femmes

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Bild des Benutzers A.U.S. e.V.

 Wir bitten Sie, die Empfänger*innen dieses Schreibens, diese Email zur Kenntnis zu nehmen.

 Begrüßenswert fänden wir es, wenn Sie in dieser Angelegenheit auf Terre des Femmes zugehen würden.

 Wir würden uns freuen, wenn Sie uns ansprechen. Angenehm wäre es, wenn Sie dem Vorgang mediale Aufmerksamkeit in der derzeitigen Debatte um eine Nachsteuerung zum Prostitutionsgesetz von 2002 geben würden.

Keines Gespräches würdig?

Zusammenfassung: 
Wir, in Bremen tätige Sexarbeiterinnen rumänischer Herkunft, haben Terre des Femmes (TdF) Bremen zu einem Gespräch an unseren Arbeitsort eingeladen und laden auch die Empfänger*innen dieser Mail ein, uns anzusprechen. TdF Bremen unterstellt uns öffentlich kaputt und ohne freien Willen zu sein. Darüber und über vieles andere würden wir gerne sprechen. Das Team von TdF Bremen lehnt eine Einladung von uns Sexarbeiterinnen rumänischer Abstammung, den Besuch unseres Arbeitsortes, ein Gespräch kategorisch ab. TdF stellt uns Bedingungen, die wir zu erfüllen haben. Unter anderem soll das Gespräch in einem großen Innenstadt Café stattfinden, dürfen an ihm nur vom TdF Team ausgewählte Personen teilnehmen und soll nur in Englisch gesprochen werden. TdF hat kein Interesse, unseren Arbeitsalltag vor Ort, authentisch kennenzulernen. Ein gleichberechtigtes Gespräch bleibt so ausgeschlossen. Das ist wenig hilfreich, wenn es um eine tatsächliche Verbesserung der Situation von uns in der Sexarbeit geht. Es verstösst gegen die Grundsätze von TdF, in denen es um die Beratung und Unterstützung von Frauen in ihren Bestrebungen um Gleichberechtigung und Anerkennung geht. Wir empfinden das als fortgesetzte willentliche Herabwürdigung und Verletzung unserer Personen. 





Sehr geehrte Damen und Herren, 

anlässlich des internationalen Tages gegen den Menschenhandel war das Team von Terre des Femmes mit einem Informationsstand in der Bremer Innenstadt präsent. Menschenhandel hat viele Erscheinungsformen. International findet Menschenhandel vorrangig in die Arbeitsausbeutung statt. Auch in Deutschland ist davon auszugehen, dass nicht wenige Menschen davon betroffen sind. Terre des Femmes beschränkte sich mit dem Infostand auf das Thema der Sexarbeit, genauer auf die Behauptung, Sexarbeitende seien "kaputt", Sexarbeit könne nicht freiwillig von Frauen ausgeführt werden, Sexarbeitende seien in der Regel durch Zwang in ihre Tätigkeit gepresst worden, insbesondere sofern sie aus Ländern kämen, in denen wirtschaftliche schwierige Verhältnisse beständen und Kunden von Sexarbeitenden sollen als Straftäter verurteilt werden. 

Es ist bedauerlich, dass TdF den Blick auf das Phänomen des Menschenhandels auf die sexuelle Ausbeutung verengt. Dies wird dem Problem nicht gerecht und schadet den von Arbeitsausbeutung betroffenen Menschen. Noch bedauerlicher ist es aber, dass das Team von Terre des Femmes Bremen uns als Sexarbeiterinnen unterstellt kaputt und ohne eigenen Willen zu sein. Und völlig unverständlich ist es angesichts dieser uns verletzenden Unterstellung von TdF, dass die Einladung von uns Sexarbeiterinnen zu einem Gespräch ausgeschlagen wurde. Im Gegenteil: das Team von Terre des Femmes hat auf unsere Einladung mit einem Katalog von Vorgaben reagiert, denen wir uns zu beugen hätten, damit einem Gespräch zugestimmt wird. 


Zu diesen Auflagen gehört 

- die Vorgabe eines Termins 
- die Vorgabe eines ungeeigneten Gesprächsortes, eines großen Café in der Bremer Innenstadt 
- die Beschränkung des Gesprächsangebotes auf von Terre des Femmes akzeptierte Personen 
- die Untersagung der Teilnahme unserer Übersetzerin an dem Gespräch 
- die Festlegung, dass das Gespräch in Englisch zu führen sei 


An unsere wiederholt erneuerte Gesprächseinladung sind keine Bedingungen geknüpft 

- der Termin kann von Terre des Femmes frei gewählt werden 
- das Team von Terre des Femmes kann frei entscheiden, wer aus seinen Reihen am Gespräch teilnimmt 
- das Gespräch kann wechselnd in Deutsch, Englisch und Rumänisch geführt werden, für eine Übersetzung wird gesorgt 
- das Team von Terre des Femmes erhält die Gelegenheit, den Arbeitsort der Sexarbeiterinnen kennenzulernen 
- es erhält die Gelegenheit Fragen zum Arbeitsalltag der Sexarbeiterinnen vor Ort zu stellen 
- es erhält die Gelegenheit seine Vorstellungen zu einer tatsächlichen Verbesserung der Situation von Frauen in der 
Sexarbeit zu erläutern 

Auf dieses wiederholte Angebot hat es seitens TdF nur kategorische Ablehnung oder Schweigen gegeben. Es ist bedauerlich, dass TdF Bremen das gleichberechtigte Gespräch mit uns ablehnt, uns Vorschriften für ein Gespräch diktiert und unser Angebot, unseren Arbeitsort kennezulernen, ablehnt. Es ist unverständlich, wieso das Team meint, ein Gespräch könnte in einem stark besuchten Café in der Bremer Innenstadt stattfinden. Es ist nicht nachvollziehbar, dass TdF kein Interesse daran hat, die Arbeitssituation von Sexarbeiterinnen vor Ort geschildert zu bekommen. Es ist inakzeptabel, dass TdF uns vorschreibt, wer von unserer Seite an einem Gespräch teilnehmen darf. Es ist wenig hilfreich, zu verlangen, dass das Gespräch in Englisch zu führen sei, da unsere Englischkenntnisse für ein solches Gespräch nicht ausreichen und wir uns deswegen für ein Gespräch mit Übersetzung aus/in unserer Muttersprache entschieden haben und diese organisieren werden. Es ist verletzend und herabwürdigend als willenlos und kaputt etikettiert zu werden. 

Wir sind der Auffassung, dass das Team von TdF Bremen durch seine Reaktion auf unser Gesprächsangebot gegen das zentrale Vereinsziel verstösst, Frauen zu beraten und zu unterstützen. Unser Anliegen ist es, von TdF Unterstützung bei der sozialen Anerkennung unserer Berufstätigkeit zu erhalten. Wir wünschen es, dass mit uns gesprochen wird, wenn es um die tatsächliche Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen geht, wie dies derzeit politisch debattiert wird. Dabei benötigen wir Gesprächsbereitschaft seitens Politik, Bürgerschaft, Frauenorganisationen. Wir benötigen offene Ohren, Unvoreingenommenheit, Interesse an unserer Arbeitssituation, Ermutigung und Aufmerksamkeit. Das Gegenteil haben wir vom TdF Bremen erhalten. Wir glauben, dass Terre des Femmes dadurch an Glaubwürdigkeit verliert und einen falschen, uns und unser Leben, unsere wirtschaftliche Existenz missachtenden Weg beschreitet. 


Mit freundlichen Grüßen 
Alissia, Angelina, Isabella, Julia, Lara 


 


Anmerkung:

Dieser Text stammt in Absprache mit uns vom Sprecher des "Haus9", Klaus Fricke 
Ausführliche Dokumentation auf: http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=12338

Kommentare

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Bild des Benutzers Thomas Horender

Aus SCHLUSS-Strich e. V. wurde A.U.S. e. V.

Wir haben unsere Umbenennung vollzogen und diese ist seit dem 7. Juni 2016 im Vereinsregister beim Amtsgericht Chemnitz eingetragen, also nunmehr rechtskräftig.
Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, um die Verwechslungsgefahr mit dem Verein Schlussstrich e.V. in Troisdorf zu vermeiden. Wir bedanken uns herzlich bei diesem Verein für die zugesagte Übernahme der Hälfte der entstandenen Kosten der Umbenennung.
im Internet sind wir ab sofort unter www.aus-ev.de zu finden, per E-Mail sind wir unter info@aus-ev.de zu erreichen.

Viele Grüße Thomas Horender (1. Vorsitzender)